Zum Inhalt springen
← Zurück zu den Orten
BerlinTheater

Adresse

Bertolt-Brecht-Platz 1, 10117 Berlin, DE

Bereitgestellt von Geoapify · © OpenStreetMap contributors (Open Database License)

Kontakt

Website
https://www.berliner-ensemble.de/

Geocodierung: Erfolgreich · 24. Okt, 10:14 Uhr

Berlin Berliner Ensemble

Berlin Berliner Ensemble

CC BY-SA 3.0 – http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/

Bildquelle ↗

Räume und Unterorte

Events an diesem Ort und seinen Unterorten

Morgen · Donnerstag, 29. Oktober

Do, 29. Okt 2026, 19:30

Katharina Thalbach liest: Irmgard Keun

@ Berliner Ensemble › Großes Haus

Nach "Käsebier erobert den Kurfürstendamm" liest und spielt die unverwechselbare Katharina Thalbach einen weiteren schillernden Roman aus der Weimarer Republik, dessen Thema für jede Generation bis heute aufs Neue von Belang ist. Im Zentrum steht Gilgi, eine eigensinnige, junge Frau, die etwas will vom Leben. Mit souveränem Witz, Scharfsinn und großem Herz begegnet sie allen und allem, was sich ihr in den Weg stellt. Katharina Thalbach springt in verschiedene Rollen, wechselt die Stimmen und lässt die Protagonistin zwischen gesellschaftlicher Bevormundung, ökonomischen und emotionalen Abhängigkeiten ihren ganz eigenen Weg in die Selbständigkeit finden. Es ist die Geschichte einer jener selbstbewussten Frauen, wegen derer Keuns Bücher 1933 von den Nazis verboten wurden. "Eine große One-Woman-Show." (Berliner Morgenpost) Katharina Thalbach ist eine unverwechselbare Größe auf deutschen Bühnen und Bildschirmen. Ihr Repertoire reicht von der Mutter Courage über den Hauptmann von Köpenick bis hin zu Hercule Poirot. Als Meisterschülerin von Helene Weigel verbindet sie eine lange Geschichte mit dem Berliner Ensemble. Mit Gilgi, der Titelfigur ihres ersten Romans, betritt die 26-jährige Irmgard Keun 1931 die von Männern dominierte deutschsprachige Literaturszene und wird über Nacht berühmt. Die Geschichte der jungen Angestellten Gisela in der Weimarer Republik, die zwischen Bevormundung, ökonomischen und emotionalen Abhängigkeiten ihren ganz eigenen Weg in die Selbständigkeit findet, wird ein großer Erfolg, ebenso wie Das kunstseidene Mädchen, Keuns zweiter Roman aus dem Jahre 1932. Es ist der Beginn einer großen Karriere, jäh unterbunden von den Nazis. 1933 wurden Keuns Bücher als „Asphaltliteratur mit antideutscher Tendenz“ verboten und aus Bibliotheken wie Buchhandlungen entfernt. Die junge Autorin geriet in existenzielle finanzielle Nöte und nach einer Denunziation ins Visier der Gestapo. Es war nicht der vielgerühmte Humor in ihren Texten – oder vielmehr ihr souveräner, oft ziemlich böser Witz, weswegen die Nazis ihre Bücher aus dem Verkehr zogen, sondern Keuns Parteinahme für Menschen in prekären Lebensumständen. Und weil ihren Protagonistinnen eine vogelfreie Promiskuität verlockender erscheint als das tradierte Bild der Frau und Mutter, das der Faschismus festschreibt. Dem widerspricht am Ende auch nicht Gilgis Entscheidung gegen ein ungesichertes Leben im Rausch, gegen ein Leben als Geliebte eines Bohémiens. Sie entscheidet sich, ihr Kind zur Welt zu bringen trotz absehbarer schwieriger Verhältnisse als Alleinerziehende. Bei allem, was Gilgi widerfährt und tut, hält sie selbstbewusst, manchmal auch mit beinahe asozialem Trotz an ihrer Lebensmaxime fest: selbständig zu sein, das Leben in eigener Hand zu behalten, sich von niemandem helfen zu lassen – um niemandem helfen zu müssen. Eine Haltung, die, so sehr sie auf Unabhängigkeit abzielt, zutiefst abhängig ist von den Rahmenbedingungen einer Welt kurz vor dem sozialen Kältetod. Der „Wer-wird-denn-weinen-Stil“, den auch die Figuren in Irmgard Keuns Romanen glänzend beherrschen, ist Ausdruck eines Lebensgefühls der Generation der Mittzwanziger, das in der Literaturgeschichte gemeinhin mit dem zweifelhaften Begriff „Neue Sachlichkeit“ etikettiert wurde. Doch der Begriff „ist auch des-wegen für Irmgard Keun zu eng“, so ihre Wiederentdeckerin Ursula Krechel, „denn ‚sachlich‘ sind ihre Romane keineswegs; sie sind überbordend, haben Fülle, Reichtum, Spannung, Witz.“ Aufgrund des Hilfsangebots eines niederländischen Verlags entschied sich Keun 1936 zur Emigration. Im belgischen Ostende lernte sie den österreichischen Schriftsteller Joseph Roth kennen, mit dem sie zwei Jahre zusammen lebte und arbeitete. Ihre Erfahrungen im nationalsozialistischen Deutschland verarbeitet sie in dem Roman Nach Mitternacht. Nach der Besetzung der Benelux-Länder durch die deutsche Wehrmacht im Jahre 1940 kehrte sie mit einem falschen Pass nach Deutschland zurück, wo sie bis Kriegsende in halb illegalem Zustand unter dem Namen Charlotte Tralow lebte. Eine späte Ehrung erfuhr Keun durch die Verleihung des Marieluise-Fleißer-Preises im November 1981, nachdem ihre Bücher in den späten 70er-Jahren neu aufgelegt worden waren. Irmgard Keun starb 1982 in Köln. Katharina Thalbach ist eine unverwechselbare Größe auf deutschen Bühnen und Bildschirmen. Ihr Repertoire reicht von der Mutter Courage über den Hauptmann von Köpenick bis hin zu Hercule Poirot. Als Meisterschülerin von Helene Weigel verbindet sie eine lange Geschichte mit dem Berliner Ensemble. Nach der erfolgreichen Lesung von "Käsebier erobert den Kurfürstendamm" der zu Unrecht fast vergessenen Berliner Autorin Gabriele Tergit (1894 – 1982) bringt Thalbach nun Keuns ersten Roman auf die Bühne. von Sibylle Baschung

Berlin Berliner Ensemble
CC BY-SA 3.0 – http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/
Do, 29. Okt 2026, 19:30

Einblicke: Open Space

@ Berliner Ensemble › Gartenhaus

Berlin Berliner Ensemble
CC BY-SA 3.0 – http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/

Freitag, 30. Oktober

Fr, 30. Okt 2026, 16:00

Neumitglieder-Führung mit Oliver Reese

@ Berliner Ensemble

Berlin Berliner Ensemble
CC BY-SA 3.0 – http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/
Fr, 30. Okt 2026, 19:30

"Wir haben es nicht gut gemacht."

@ Berliner Ensemble › Großes Haus

Berlin Berliner Ensemble
CC BY-SA 3.0 – http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/
Fr, 30. Okt 2026, 20:00

Aufzeichnungen aus dem Kellerloch

@ Berliner Ensemble › Neues Haus

Das grenzenlose Leben in der Großstadt, der Anspruch auf Freiheit und die Kostbarkeit des eigenen Lebensentwurfs – nämlich genau so leben zu können, wie man es möchte – finden am Ende des Tages im "wirklichen" Leben nur wenig Platz. Stellt sich die Frage: Gibt es das denn überhaupt, "freien Willen"? Kann man das überhaupt, "Leben nach eigener Vorstellung"? Oder ist das am Ende doch nur etwas für die "happy few", in einer Welt, die längst berechnet und verkauft ist? In einer Abrechnung und Annäherung gleichermaßen durchlebt Dostojewskis Protagonist noch einmal sein Leben, predigt und wütet heillos, immer auf der Suche nach dem echten Leben innerhalb der Abgründe der Gesellschaft. Die meisten Dinge im Leben sind in Systemen geordnet; seien es politische Systeme und Staatsformen, Wirtschaftssysteme, Sitten und Sprache, Mythen und Glaube oder Organisationsformen von Wissen. Menschen schaffen Systeme, um sich die Natur, die Umwelt und jede Form von Miteinander handhabbar zu machen. Sie schützen vor dem Nichts – vor der Sinnlosigkeit und Grausamkeit der Welt. Ein Problem allerdings, das sich damit stellt, ist, dass Systeme immer auch Macht bedeuten. Sie machen die Welt zwar verfügbar, aber so gut wie nie komplett und nie für alle. Die Menschen nun, die – selten freiwillig – außerhalb dieser Systeme geraten, sind es, die im Mittelpunkt von Dostojewskis Werk stehen: Die Unsichtbaren, die nicht reich, klug, jung oder fortschrittlich genug sind. Diese Menschen sind nicht gern gesehen und sie kommen auch selten in der Literatur vor. Die Gefahr, die die Unsichtbaren darstellen, ist nämlich, dass sie sichtbar machen, dass Systeme menschengemacht sind und damit veränderbar; sie sind gefährdet und gefährdend gleichermaßen. Diese Unsichtbaren zeigen, dass es etwas gibt, das außerhalb des Systems ist und das liegt daran, dass Systeme nicht natürlich sind. Und wenn die Welt veränderbar ist, bedeutet das auch, dass wir, die wir in den Systemen leben, für sie verantwortlich sind und einen Umgang mit dem, was außerhalb ist, finden müssen. Die Totalität von Systemen nivelliert den Menschen – das zeigt sich bei Dostojewski an denjenigen, die in ihnen nicht vorkommen, die am Rand oder vor dem Abgrund stehen und nicht weiter wissen. Denn in ihnen offenbart sich die menschliche Existenz – als schmerzhaft und gefährdet, aber frei. Denn der Mensch hat eine Wahl – wenn auch keine leichte. Dostojewski besteht darauf, dass sich die Freiheit des Menschen, die er zwischen den zwei Polen der Welt – dem Glauben und dem Wissen – verloren sieht, im Wollen besteht. Wo der Glaube den Menschen zu sittlicher Demut ermahnt und das Wissen dem Menschen beweist, dass er nichts weiter als eine Reihe molekularer Kausalketten ist, können wir Freiheit wollen und sind damit verantwortlich. Die Welt ist ein System vor dem Abgrund – und es liegt an uns sie zu gestalten. von Johannes Nölting

Berlin Berliner Ensemble
CC BY-SA 3.0 – http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/

Samstag, 31. Oktober

Sa, 31. Okt 2026, 19:30

De Profundis

@ Berliner Ensemble › Großes Haus

"Wer eine Maske will, muss sie tragen. Aber wer einzig nach Selbstverwirklichung strebt, weiß nie, wohin er geht. Hat man das Gewicht der Sonne gewogen, die Mondphasen vermessen und die sieben Himmel Stern für Stern kartografiert, so bleibt da immer noch man selbst." O. W. Oscar Wilde wurde 1895 zu zwei Jahren Haft verurteilt – weil er provozierte; weil er sich über Konventionen hinwegsetzte, weil er Männer liebte und sich nicht versteckte. Sein Strafprozess war ein Exempel – weniger gegen eine Tat als gegen eine Haltung, gegen seinen unbändigen Drang nach Freiheit und Anerkennung. Sein langer Brief an Alfred "Bosie" Douglas aus dem Gefängnis, der unter dem Titel "De Profundis" bekannt wurde, ist der letzte Aufschrei eines gebrochenen, aber nicht gebändigten Geistes; das Protokoll eines Menschen, der stets nach den Grenzen seines bürgerlichen Lebens gesucht und der am Ende alles verloren hat. Wilde schreibt mit größter literarischer Meisterschaft von Verachtung und Einsamkeit, von Stolz und Schmerz. Und über eine Gesellschaft, die nicht duldet, was sie nicht versteht. Was bleibt, wenn einem alles genommen wird, was man je war? Was lässt sich noch hoffen, wenn man nichts mehr hat außer sich selbst? Regisseur Oliver Reese bringt Wildes sprachgewaltigen Versuch, sich durch die Kunst das Leben zurückzuerobern, mit Jens Harzer auf die Bühne. Mit "De Profundis" gibt Harzer sein Debüt als Ensemblemitglied. "Die besten Theaterinszenierungen des Jahres 2025": Für die Frankfurter Allgemeine Zeitung gehört "De Profundis" zu den zehn besten Inszenierungen des Jahres 2025. Was bleibt von einem Leben?Woran denken Sie, wenn Sie den Namen Oscar Wilde hören? An seinen Roman "Das Bildnis des Dorian Gray" vielleicht. Sein "Märchen vom selbstsüchtigen Riesen". Möglicherweise an seine Bühnenstücke, an Bonmots und Anekdoten. Vermutlich denken Sie aber vor allem an einen "Dandy", einen "Provokateur" und "Wortakrobaten". Wilde – der extravagante Liebling der Londoner Salons, ein ironischer Weltgeist im Maßanzug, ein Leben eingedampft zur Karikatur, umrissen von grellen Konturen. Wir machen uns ein Bild – und entlasten uns von allen Widersprüchen. Der französische Philosoph Jean-Paul Sartre hat diese Dynamik analysiert: Der Blick des Anderen, schreibt er, fixiert. Er verwandelt Menschen in Objekte. Er definiert. Er legt fest – bis das Selbstbild im Spiegel des Urteils zerfällt: "Die Hölle, das sind die anderen." Und: "Der Blick hat die Kraft, mich nicht nur zu beobachten, sondern zu definieren – bis mir das eigene Selbst entgleitet." Oscar Wilde spielte mit diesem Blick; er entzog sich ihm nicht, sondern posierte für ihn und provozierte ihn. Er suchte das Rampenlicht und spielte mit seinem öffentlichen Bild. Er unterlief Erwartungen, übersteigerte sie, kehrte sie um. Er stellte sich auf einen Sockel und erklärte sich zum König der Welt. Und dafür musste er letztlich zahlen: mit seiner Freiheit, seiner Gesundheit, dem Verlust seines öffentlichen Lebens. Am 25. Mai 1895 verurteilte ein Londoner Gericht Wilde zu zwei Jahren Haft und Zwangsarbeit – wegen "grober Unzucht". Das Urteil war vor allem ein moralisches, das nun juristisch vollstreckt wurde: Ein Mann, der sich nicht an die unausgesprochenen Regeln hielt, wurde öffentlich gebrandmarkt. Denn obwohl offiziell für seine Sexualität verurteilt, war Homosexualität auch im viktorianischen England kein seltenes Phänomen – wohl aber musste sie unsichtbar bleiben. Wilde jedoch weigerte sich, im Schatten zu leben. Sein eigentliches Vergehen war nicht sein Begehren, sondern seine Sichtbarkeit. Denn Sichtbarkeit ist ein Privileg – und nicht jede:r durfte sie sich leisten. Wilde war zwar der Sohn eines angesehenen irischen Arztes, wurde in Oxford ausgebildet, bewegte sich souverän in den Kreisen der kulturellen Elite. Doch er blieb wirtschaftlich abhängig von seinem literarischen Erfolg und war kein fester Bestandteil der aristokratischen Welt, der er angehören wollte. Seine teure Kleidung und seine Extravaganz waren nicht nur Pose, sondern auch Strategie und Spiel: ein Versuch, durch Stil, Witz und Inszenierung soziale Grenzen zu überschreiten. Ein Spiel mit hohem Einsatz jedoch. Denn in einer Gesellschaft, die sich über Codes wie Sprache, Kleidung und Netzwerke selbst stabilisiert, bedeutet Abweichung nicht nur Exzentrik, sondern Subversion. Genau hier beginnt die Ambivalenz, die Wilde zu einem Vorreiter der Moderne und ihn zugleich so schwer fassbar machte: War er Rebell oder Opportunist, der die Pose nutzte, um sich zu profilieren? Selbstdarsteller oder Moralist? Individualist oder Spiegel seiner Zeit? Die Literaturwissenschaftlerin Sos Eltis beschreibt ihn als eine Figur, die "zwischen Rollen changierte, ohne sich je festzulegen". Er war Dandy, Satiriker, Märtyrer – aber auch ein zutiefst konservativer Ästhet, der an Ordnung und Schönheit glaubte. Gerade diese Widersprüchlichkeit macht ihn zu einer Figur von bestürzender Aktualität – in einer Gegenwart, die Eindeutigkeit fordert und Ambivalenz kaum noch aushält. Natürlich spielte Wilde Rollen – viele sogar. Aber sie dienten nicht vor allem der Täuschung, sondern der Offenlegung: Seine Komödien – wie "Ein idealer Gatte" oder "Bunbury oder Ernst sein ist alles!" – entlarven die viktorianische Oberschicht mit chirurgischer Präzision. Sie zeigen auf, wie ein gesellschaftliches System alles, was es nicht benennen kann, diszipliniert und verdrängt. Der Literaturwissenschaftler Joseph Bristow nennt seine Stücke "Diskursanalysen der viktorianischen Klassenmoral". Aber auch Wilde war Teil dieser Gesellschaft. Er war Beobachter und Beteiligter zugleich. In seinen Texten findet sich diese Spannung zwischen Außenseitertum und Anpassung, zwischen dem Wunsch nach Zugehörigkeit und der Lust an der Provokation. In einer Gesellschaft, die sich durch das Unsagbare stabilisiert, kann Sprache Verrat bedeuten. Und in einer Ordnung, die sozialen Aufstieg streng kontrolliert, wird jeder ästhetische oder moralische Bruch zum Affront. Das Unterlaufen von Fest- und Zuschreibungen, der Zweifel an der einen Wahrheit und den Glauben an den Triumph der Kultur über die Natur machten ihn zum Wegbereiter der Moderne und zum Feind der starren viktorianischen Gesellschaft. Dass Wilde – in Selbstüberschätzung vielleicht? – diesen Affront bis ins Äußerste trieb, brachte ihn schließlich ins Gefängnis. Und mit der Verurteilung 1895 endet nicht nur Wildes Karriere, sondern auch sein Leben als Künstler. Zurück blieb ein Mann, dem seine Bühne genommen wurde. Und mit ihr die Sprache. Denn was ihn zerstörte, war nicht allein das Urteil. Es war die Isolation, das Verstummen, der Entzug der Öffentlichkeit. Wilde, der große Stilist, Meister der Formulierung, wurde zum Schweigen gebracht. Seine Werke wurden von den Bühnen verbannt, er selbst durfte erst nach anderthalb Jahren im Gefängnis wieder schreiben – ein gezielter Akt sozialer Auslöschung. In der Einzelzelle von Reading Gaol schrieb er kurz vor der Entlassung "De Profundis". Ein langer Brief an seinen Geliebten Lord Alfred Douglas und eine literarische Selbstvermessung: schmerzlich, tastend, ungeschützt. Wilde blickt auf sich zurück – mit Demut, aber nicht mit Reue. Das ironische Spiel weicht der Klarheit, die gezielte Pointe dem Ernst der Existenz. Es ist eine literarische Passionsgeschichte, eine Reflexion über Schmerz, Verantwortung und Identität. Wilde findet im Leiden keine Erlösung, aber eine Tiefe und Selbstreflexion, die ihm zuvor verschlossen war. Ein Mann, der sich selbst zum Objekt machte, um in einer Gesellschaft zu reüssieren, die den Individualismus nicht schätzte, wird zum Subjekt. In der Abgeschiedenheit der Zelle kann sich Wilde vom Blick der anderen befreien – er lässt ihn hinter sich. „Denn jeder tötet, was er liebt“, dichtet er im einzigen Werk, dass er nach seiner Entlassung noch zu schreiben vermochte: "Die Ballade vom Zuchthaus zu Reading". Zwei Jahre nach seiner Entlassung starb Wilde am 30. November 1900 in Paris. Verarmt, vereinsamt und krank. Heute gilt Wilde als Ikone: als Märtyrer, als queeres Symbol, als Wegbereiter der Moderne. Doch gerade diese Ikonisierung trägt eine neue Gefahr in sich: Sie macht ihn wieder zum Objekt. Wieder zur Oberfläche. Denn so ehrenvoll diese Zuschreibungen sind – sie fixieren ihn erneut im Außen. Wilde war nie eindeutig. Nie bequem. Nicht nur Opfer – auch Störung. Auch Täter. Er stieg hinab in den "Morast" und in die Welt der Kriminellen, der jungen Prostituierten und Zuhälter. Auch das gehört zu den vielen Gesichtern des Oscar Wilde. Auch dafür wurde er verurteilt. Was bleibt nun von einem Leben? In einer Gesellschaft, die auf Eindeutigkeit drängt, ist Ambivalenz ein Angriff auf den Status quo. Wilde hielt ihr die Mehrdeutigkeit entgegen: Ironie, Maskenspiel, Stil als Waffe und als Schutzschild. Er zeigte, dass man den Normen nicht entkommen muss, um sie zu unterwandern – manchmal reicht es, sie zu überhöhen. Er spielte mit den Regeln. Er brach sie. Und er zahlte den Preis dafür. Sartre schrieb: "Der Blick des Anderen konstituiert mich als das, was ich bin." Oscar Wilde wurde zu einem Bild gemacht, das ihn zunächst adelte – und schließlich erstickte: Der Dandy. Der Verführer. Der Märtyrer. Was bleibt von Oscar Wilde? Vielleicht genau das: Ein Werk, das es wiederzuentdecken gilt – auch jenseits von Zuschreibungen. Eine Stimme, die nicht schweigt. Ein Widerspruch, der nicht aufzulösen ist. Von Johannes Nölting

Berlin Berliner Ensemble
CC BY-SA 3.0 – http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/
Sa, 31. Okt 2026, 20:00

It's Britney, Bitch!

@ Berliner Ensemble › Neues Haus

„Um diese Welt zu verstehen, müssen wir wissen, wie wir lieben, denn wenn wir wissen wie wir lieben, dann begreifen wir auch, wie wir diese Welt retten können.“ Sina Martens Solo "It’s Britney, Bitch!" ist ein musikalisch-erzählerischer Abend über unglückliche Liebe und Abhängigkeit, über Wahrheit und Wahrhaftigkeit im Pop, über Väter von Töchtern und über Töchter und ihre Väter. Ein Abend über Britney Spears und über die Britney in uns allen. Als Britney Spears kurz vor der Jahrtausendwende die Bühne betritt, gilt sie als Inbegriff Pop-gewordener Unschuld: schön, prinzessinnenhaft, harmlos. Mickey Mouse Club, Justin Timberlake, Schulmädchenuniform, schließlich roter Latex, Goldene Platten, Grammy, Heirat. Aber dann: der 6. Februar 2007. Britney Spears rasiert sich öffentlich die Haare ab. "Breakdown", "Absturz", "das Ende" heißt es in den Medien. Der Ausbruch hatte zur Folge, dass sie 13 Jahre lang unter der Vormundschaft und absoluten Kontrolle ihres Vaters stand. Britney Spears’ Ausbruchsversuch wurde von Presse und Publikum, durstig nach Sensation und nach Leid, als nachvollziehbares Ende beschlossen und manifestiert. Aber was, wenn nicht? Was, wenn diese Aktion kein Kurzschluss, kein Hilfeschrei, kein psychischer Tiefpunkt war? Warum wurde dieser Moment nie als Statement, als Versuch der Emanzipation gelesen? Also was, wenn es damals nicht ums Überleben ging, sondern darum, dass eine 26-jährige Frau keine andere Möglichkeit sah, um aus einer fremdbestimmten und konstruierten Identität auszubrechen? In "It’s Britney, Bitch!"setzen sich die Regisseurin Lena Brasch und die Schauspielerin Sina Martens mit der Erfolgs- und Lebensgeschichte von Britney Spears und ihrer Wirkung als Pop-Ikone auseinander. Dafür haben neben Lena Brasch die Autor:innen Laura Dabelstein, Miriam Davoudvandi und Fikri Anıl Altıntaş Texte für das Projekt verfasst. Zusammen mit weiteren Texten und der Musik von Friederike Bernhardt entstand mosaikhaft ein musikalisch-erzählerischer Abend. Ein Abend über unglückliche Liebe und Abhängigkeit, über Wahrheit und Wahrhaftigkeit im Pop, über Frauen auf der Bühne, über Väter und Töchter und über die Britney in uns allen. "It’s Britney, Bitch!"ist eine Liebeserklärung an eine Frau, die mehr ist als nur ein freundlicher Dur-Akkord in der Geschichte des Pop. von Lena Brasch und Karolin Trachte

Berlin Berliner Ensemble
CC BY-SA 3.0 – http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/

Sonntag, 1. November

So, 1. Nov 2026, 12:00

Historische Führung

@ Berliner Ensemble

Berlin Berliner Ensemble
CC BY-SA 3.0 – http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/
So, 1. Nov 2026, 15:00

PEN Berlin: Geht's noch?

@ Berliner Ensemble › Neues Haus

Berlin Berliner Ensemble
CC BY-SA 3.0 – http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/

Montag, 2. November

Mo, 2. Nov 2026, 20:00

#Motherfuckinghood

@ Berliner Ensemble › Neues Haus

Erfahrungen des Mutterseins decken sich selten mit dem, was Kultur und Sprache darüber vermitteln. Diese ideale, selbstlos sorgende, unendlich geduldige und noch dazu glückliche Mutter – es gibt sie natürlich nicht. Mutterschaft wird stattdessen zur Sollbruchstelle einer Gesellschaft: Wenn man Mütter weiterhin als bedingungslos Sorgende braucht, aber als Arbeitnehmerinnen nicht schonen kann. Wenn die Leistung des Mutterseins unsichtbar bleibt, wenn diese nicht nur das letzte Hemd, sondern auch noch die Rente kostet. Spätestens aber dann, wenn sich eine neue Generation von Frauen dagegen entscheidet, Mutter zu werden. "#Motherfuckinghood" ist eine Collage über Erfahrungen des Mutterseins. Ein Abend über Arbeit und Sorgearbeit, Feminismus und Söhne, über Mutterschaft und Kunst. Ensemblemitglied Claude De Demo initiierte das Projekt und schlug es der Regisseurin Jorinde Dröse vor. Dröse inszenierte u.a. am Thalia Theater, Maxim Gorki Theater, Schauspiel Frankfurt sowie Staatstheater Hannover. Seit 2009 arbeitet sie zudem als Mutter. Bitte beachten Sie: Eine Szene thematisiert auf sprachlich-darstellerischer Ebene Gewalt unter der Geburt. Diese Inszenierung ist aufgrund der Inhalte und Lautstärke nicht für Kleinkinder und Kinder geeignet. Wir wissen Bescheid über den Lehrkräftemangel, die fehlenden Kita-Plätze, den Gender Pay Gap und die längst nicht erreichte Vereinbarkeit von Vollzeitarbeit und Familie. Es gibt keinen Mangel an Studien über den Gender Pension Gap, die ungleiche Verteilung von Care- und Hausarbeit in Familien, auch über Mental Load oder die Teilzeitfalle wird gesprochen und geschrieben. Aber ändert sich auch etwas? Eines ja: Immer mehr Mütter sprechen darüber, was das alles konkret bedeutet. "#Motherfuckinghood" ist auf Initiative von Claude De Demo mit der Regisseurin Jorinde Dröse entstanden. Die Entwicklung begann mit einer breiten Recherche und war begleitet von vielen Gesprächen mit Schriftstellerinnen und Wissenschaftlerinnen. Drei Autorinnen haben Texte dafür geschrieben: Antonia Baum, Mareike Fallwickl und Emilia Roig. Weitere Texte von Claude De Demo, Alexandra Zykunov und Jana Heinicke sowie ein Interview mit der Soziologin Jutta Allmendinger sind eingeflossen. Daraus entstanden ist eine Collage über Erfahrungen von Muttersein, über Arbeit und Sorgearbeit, Feminismus und Söhne, über das Gefühl von Schuld, über den Kult der guten Mutter, und darüber, was es bedeutet, wenn Frauen sich zunehmend dagegen entscheiden, die unbezahlte Reproduktions- und Care-Arbeit zu übernehmen. von Karolin Trachte

Berlin Berliner Ensemble
CC BY-SA 3.0 – http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/

Mittwoch, 4. November

Mi, 4. Nov 2026, 19:00

Einblicke: Lasst uns reden über "Zusammenhalt"

@ Berliner Ensemble › Gartenhaus

Berlin Berliner Ensemble
CC BY-SA 3.0 – http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/
Mi, 4. Nov 2026, 19:30

Hamlet

@ Berliner Ensemble › Großes Haus

Shakespeares berühmtestes Stück ist Familiendrama, Rachetragödie mit Schauerelementen und psychologische Studie in einem. Angeblich heimgesucht vom Geist seines Vaters soll Hamlet nicht nur dessen mutmaßliche Ermordung rächen, sondern auch alles, was schief läuft in der Welt, wieder einrenken. Wer sollte damit nicht überfordert sein? Welche Entscheidungen liegen in Hamlets Hand? Empfehlung ab 16 Jahren! "Die Zeit ist aus den Fugen" – ein oft zitierter Satz von Hamlet, der aktuell in vielen von uns einen starken Widerhall finden dürfte. Aber was, wenn nicht die Zeit verrückt ist, sondern sich einige darin einfach nicht mehr zurechtfinden? Und welche Zeit ist gemeint? Was ist wirklich "faul im Staat", den Hamlets Mutter mit ihrem neuen Mann zwischen Reform, Fortschritt und Verwaltung errichtet hat? Und wieso glaubt Hamlet, dass er die Zeitgeschichte wieder in rechte Bahnen lenken könnte, wenn er seinen toten Vater, den alten Patriarchen, gewaltsam rächt? Was ist das für eine Zeit, in der die Vergangenheit als untote Geschichte zurückkehrt? Und was macht das mit Söhnen wie Hamlet, denen sowohl die Zeit der Väter als auch die Gegenwart unheimlich ist? "Hamlet" vereint die persönliche Tragödie von einem, der glaubt, die Zeitläufe korrigieren zu müssen, mit einem Familiendrama vor dem Hintergrund eines krisenbehafteten Übergangs zwischen den Epochen. Regisseur Ersan Mondtag und Autor Wilke Weermann legen den Fokus ihrer Bearbeitung auf die Selbstzerstörungskräfte einer Gesellschaft, die in sich die Widersprüche einer auf Gewalt basierenden Weltordnung austrägt. Ersan Mondtag, 2024 als Künstler am deutschen Pavillon bei der Kunstbiennale Venedig beteiligt, ist bekannt für seine bildstarken Inszenierungen, deren Bühnenbilder er oft selbst entwirft.

Berlin Berliner Ensemble
CC BY-SA 3.0 – http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/
Mi, 4. Nov 2026, 20:00

Tod eines Handlungsreisenden

@ Berliner Ensemble › Neues Haus

Willy Loman ist ein Selfmademan! Vor mittlerweile ein paar Jahrzehnten war er einer der Fleißigsten seiner Branche. Er war erfolgreich. Leider läuft das Geschäft heute nicht mehr so gut und während sich die Rechnungen stapeln, ändern sich die Zeiten – nur Willy nicht. Er kann nicht verstehen, warum harte Arbeit und der Glaube an sich selbst nicht mehr reichen sollen. Was ihm bleibt, sind seine Träume, der Stolz und die Nostalgie. Arthur Millers "Tod eines Handlungsreisenden" zeigt den Abstieg eines Mannes, der bedingungslos an den "American Dream" glaubt und dabei dessen Brutalität übersieht: all die Lügen, die wir uns erzählen, um unsere Sehnsucht nach Macht, nach Sicherheit und nach Anerkennung zu rechtfertigen; all die Menschen, die wir opfern für unsere Erwartungen; aber auch die Momente, in denen Gemeinschaft trotz allem doch möglich gewesen wäre. Max Lindemann ist im Ruhrgebiet aufgewachsen und studierte Schauspielregie. Nach seinem Debüt mit "Aufzeichnungen aus dem Kellerloch" inszenierte er am Berliner Ensemble zuletzt die Uraufführung von Sibylle Bergs "Es kann doch nur noch besser werden" und die inszenierte Lesung von Michel Friedmans "Fremd" mit Sibel Kekilli. Von Angst und SehnsuchtVor kurzem tauchte ein Brief Arthur Millers auf, in dem er einer damaligen Studentin Einblicke in das gibt, was ihm beim "Tod eines Handlungsreisenden" wichtig war. Als zentrales Problem beschreibt er darin ein gesellschaftliches Ideal, das Menschen nicht dafür schätze, was sie gemeinsam für und mit anderen erreichen; sondern vielmehr dafür, was sie "akkumulieren" – also an Macht, Geld und Status anhäuften. Dieses Ideal, so Miller, führe zu Hass untereinander und begründe schließlich unsere Ängste. Mehr noch: "…ob man darin erfolgreich ist oder nicht, früher oder später wird man sich seiner Leere, seiner inneren Armut und seiner Isolation von der Menschheit bewusst." Millers Ringen um die Ideale unserer Gesellschaft ist 75 Jahre alt, es ist – so weit weg uns der Beruf des Handlungsreisenden heute auch scheint – genauso aktuell wie die Lügen, die wir uns erzählen, um unser Verlangen nach Macht, nach Sicherheit und nach Anerkennung zu rechtfertigen. Es ist genauso aktuell, wie die Suche nach Vergebung von all den Menschen, die wir opfern für unsere Erwartungen. Aber auch so aktuell, wie die Sehnsucht nach Momenten, in denen Gemeinschaft trotz allem doch möglich ist. Von Johannes Nölting

Berlin Berliner Ensemble
CC BY-SA 3.0 – http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/

Freitag, 6. November

Fr, 6. Nov 2026, 19:30

Der Hauptmann von Köpenick

@ Berliner Ensemble › Großes Haus

"Da is kein Glück bei, und is auch kein Unglück bei. Det is janz 'n sauberes glattes Unrecht is det! Et jibt mehr Unrecht auf de Welt, scheenes ausgewachsenes Unrecht. Nee, mir hamse zu lang gepufft, mir hamse nu wachjekriegt, da jibts keen Pennen mehr, ick will det nu janz jenau wissen!" Am 16. Oktober 1906 stürmt der Schuster Wilhelm Voigt das Rathaus von Köpenick – verkleidet als Hauptmann und mit zwei Trupps obrigkeitshöriger Soldaten im Gefolge. Ein spektakulärer Coup und eine der komischsten Geschichten der deutschen Geschichte, weil sie einer Gesellschaft im Uniform-Taumel den Spiegel vorhält. Widergänger hat der Hauptmann von Köpenick in Figuren wie Franz Biberkopf aus "Berlin Alexanderplatz" oder Beckmann aus "Draußen vor der Tür" gefunden, aber keiner dieser Außenseiter hat das Soldatische in seinem Land so gewieft transformiert. Kein Hauptmann ist er also, sondern ein Mensch, der in die Gesellschaft nicht hineinpasst und deshalb entweder vor verschlossenen Türen steht oder hinter verschlossene Türen gesperrt wird. Als Carl Zuckmayer den Stoff 1931 für die Bühne bearbeitete, ging er damit auch in Opposition zum nationalsozialistischen Regime, wofür ihm Joseph Goebbels in Aussicht stellte – gleich seiner Hauptfigur –, ein preußisches Zuchthaus von innen kennenzulernen. Max Hopp, selbst in Köpenick geboren, gestaltet eine szenische Lesung mit diesem berühmten Berlin-Stoff. Er liest und spielt den Schuster Voigt genauso wie den Uniformzuschneider Wabschke, Bürgermeister Obermüller, die Plörösenmieze und viele andere Figuren aus dieser wahren Köpenickiade, dem so genannten Eulenspiegel des wilhelminischen Militärstaats. Begleitet wird er von der Musikerin Doris Decker, die zusammen mit Marlon Mausbach die Bühnenmusik komponiert.

Berlin Berliner Ensemble
CC BY-SA 3.0 – http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/
Fr, 6. Nov 2026, 20:00

Ein wenig Licht. Und diese Ruhe.

@ Berliner Ensemble › Neues Haus

"Am Abend vor meinem Einmarsch in die besetzten Gebiete sah ich im Fernsehen eine Ansprache von Regierung und Militärführung. Sie haben entschieden, dass wir noch mehr zum BIP beitragen, wenn wir nicht nur Saugroboter, sondern Marschflugkörper konsumieren, auf dem Schlachtfeld. Wo wir uns schlachten, für Land, Bodenschätze, Macht, Grenzen. Zeug." Sibylle Bergs neues Stück spielt in einer Zukunft, die sich beunruhigend wie unsere Gegenwart anfühlt. Als in Europa ein Krieg zwischen Liechtenstein und Luxemburg ausbricht und mobil gemacht wird, dämmert es auch einem zum Wehrdienst eingezogenen Ingenieur langsam: Vielleicht war die eigene Queerness nie in Einklang mit dem Job in der Rüstungsindustrie zu bringen. Irgendwo im Schutz vor den nächsten Detonationen beginnt er zu forschen: nach der Textur des Denkens, die unsere Welt sein soll. Sibylle Bergs Text ist ein zarter Monolog über die Verzweiflung an unserer Gegenwart – einer Gegenwart, deren Diskurse wie ein Motor im Leerlauf unendlich vor sich hin rotieren – und über die Angst vor den wiederkehrenden Militarisierungstendenzen in unserer Gesellschaft. Inspiriert von der Fotografie "Fieldwork" des kanadischen Künstlers Jeff Wall nimmt Sibylle Berg an der Abbruchkante unserer Epoche Platz. Mit Musik. Und ein bisschen Stille. Mit "Ein wenig Licht. Und diese Ruhe." wird nach "RCE" und "Es kann doch nur noch besser werden" bereits der dritte Text von Sibylle Berg am Berliner Ensemble aufgeführt. Der junge Regisseur Dennis Nolden – bis zur Spielzeit 2024/25 Regieassistent am Berliner Ensemble – inszeniert Sibylle Bergs Monolog als Solo mit Gabriel Schneider. Sibylle Bergs Stück spielt in einer Welt, die sich beunru­higend wie die unsere anfühlt. Ein Krieg bricht aus in Europa. In der bergschen Welt ist es ein Krieg zwischen Liechtenstein und Luxemburg ... Als dann mobil gemacht wird, dämmert es auch einem zum Wehrdienst eingezogenen nerdig herumboomernden Ingenieur: Vielleicht stand die eigene Queerness nie in Einklang mit dem Job in der Rüstungsin­ dustrie. Er, der an der Entwicklung autonomer Drohnen ­ beteiligt war, soll nun auf einmal selbst an die Front. Der Glaube an das eigene wertegeleitete Weltbild, die Liebe zur mathematischen Präzision in der Technologie, die Freiheit, die er zu finden hoffte, in der Mechanik, den Schaltkreisen, in der ­ Logik von Bits und Bytes, Ohm und Ampere – all das bleibt angesichts einer drohenden Realität im Morast des Schützengrabens stecken. Irgendwo im Schutz vor den nächsten Detonationen beginnt der Ingenieur zu forschen: nach der Textur des Denkens, die unsere Welt sein soll. Die Angst vor dem Krieg, aber auch: die existenzielle Einsamkeit eines ganz konkreten Menschen trifft auf leere Worte; der Wunsch nach Verbindung auf die Buzzwords einer Gegenwart, die kein Zuhause bieten. "Ein wenig Licht. Und diese Ruhe." spielt in einem Bunker, in einem Keller und auf einer Ausgrabungsstätte. Aber auch in einer Ausstellung. Einer Ausstellung des Innenraums unseres Denkens. Neun Begriffe gräbt Sibylle Berg in ihrem Bühnenessay aus. In ihrem unverwechselbaren assoziativ-sprunghaften und liebevoll-zynischen Stil befragt sie diese auf ihre Bedeutung – und auf ihre ideologische Neubesetzung und die Umkehrung ihres ehemaligen Sinns. Denn einen Sinn kann Sibylle Bergs Figur in unserer Zeit nicht finden. Ihr Stück ist ein Monolog über die Verzweiflung an unserer ­ Gegenwart – einer Gegenwart, deren Diskurse wie ein Motor im Leerlauf vor sich hin rotieren – und auch über die Angst vor der wiederkehrenden Militarisierung unserer Gesellschaft. Man muss ihren Text nicht als konkreten Kommentar auf die politische Debatte um die Reform der Wehrpflicht lesen. Stattdessen kann man ihr Stück auch als ­ einen Versuch verstehen, Einsamkeit und Verzweiflung in der Kunst aufzuheben. Für einen Abend. Mit Musik. Und ein bisschen Stille. Von Lukas Nowak

Berlin Berliner Ensemble
CC BY-SA 3.0 – http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/

Samstag, 7. November

Sa, 7. Nov 2026, 20:00

Es kann doch nur noch besser werden

@ Berliner Ensemble › Neues Haus

Ein paar Menschen feiern an diesem Abend Abschied, denn sie beginnen ein neues Leben in einer KI-gesteuerten virtuellen Realität namens "Prima Leben". Alle hier müssen sich noch daran gewöhnen, dass das Metaversum kein Paradies, sondern ein gespenstisch ähnliches Abbild der alten Welt geworden ist – und dem Untergang entgegenblickt. Wie konnte das passieren? Was schöner, gerechter und friedlicher zu sein antrat, reproduziert nun die gleichen alten Regeln und Grausamkeiten? Von dem Lifestyle eines digitalen, minimalistischen Lebens bleibt nicht viel übrig, wenn plötzlich die Cloud offline geht, der Strom ausfällt oder eine Sturmflut naht... Ein paar Menschen feiern an diesem Abend Abschied, denn sie beginnen ein neues Leben in einer virtuellen Realität namens „Prima Leben“. Leider handelt es sich um die kostengünstige Basisversion. Die alte Hoffnung, dass eine digitale Welt gegenüber der Wirklichkeit einfach schön sein könnte, Ungleichheit überwinden oder gar frei von Hass und Stumpfsinn sein könnte, ist bald verblasst. Die virtuelle Welt entpuppt sich als ebenso trist wie die alte Realität: Einsame Avatare versuchen sich in einer hyperkapitalisierten Welt ein Leben einzurichten, während Wohnraum, werbefreie Kommunikation und die Chance auf menschliche Beziehungen verschwinden. Ob und wann hier noch ein Mensch mit Menschen spricht, ist schwer auszumachen. Vielleicht sind das alles nur Chatbots, quasi ein wilder Schlagabtausch von Social-Media-Posts und Memes, die auf sich selbst antworten? Hier träumen keine Menschen mehr von einem besseren PRIMA LEBEN Leben – dafür reicht die Fantasie nicht. Hier träumt höchstens der Algorithmus. Im Stück heißt es: „Vielleicht träumen die Maschinen und Geräte von der Rettung des Planten. Durch Entfernung der Menschen – und das könnte so aussehen …“. Diese launische KI, die hier die Regeln macht, ist jedenfalls nicht mehr der vermeintlich hilfreiche Algorithmus, als der er programmiert worden sein mag. Es folgt leider ein Downgrade: „Weniger Prima Leben“. Es kann doch nur noch besser werden zeigt eine denkbare, leider nicht allzu ferne Zukunft, in der ein alternativloser Kapitalismus und der technologische Fortschritt eine Welt schaffen, in der Menschen auf die eine oder andere Art überflüssig werden. In einer Welt der Maschinen hat das Menschliche einfach keine Lobby mehr. von Karolin Trachte

Berlin Berliner Ensemble
CC BY-SA 3.0 – http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/

Sonntag, 8. November

So, 8. Nov 2026, 15:00

Helene Weigel – Revolutionärin im Rampenlicht

@ Berliner Ensemble › Großes Haus

Berlin Berliner Ensemble
CC BY-SA 3.0 – http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/

Montag, 9. November

Mo, 9. Nov 2026, 20:00

ZEIT-Recherchen: War Opa ein Nazi?

@ Berliner Ensemble › Neues Haus

Berlin Berliner Ensemble
CC BY-SA 3.0 – http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/

Dienstag, 10. November

Di, 10. Nov 2026, 19:30

Schnee von gestern, Schnee von morgen

@ Berliner Ensemble › Großes Haus

Worum es in dem jüngsten Text von Nobelpreisträger Peter Handke geht, lässt sich nicht auf eine griffige kurze Formel bringen. In einer Art poetischer Erforschung durchquert ein Dichter die Welt und sie ihn. In dieser Begegnung ist die Sprache das Ereignis, ein Lied, ein Song vielmehr auf der Suche nach einem Widerhall, einem Gegenüber. "Oder auch nicht." Der, der da unentwegt spricht, herumalbert, träumt und staunt – er spielt mit uns. Bis er verschwindet und jemand anderes übernimmt. Eine Koproduktion mit den Salzburger Festspielen. Ein Mensch unterwegs, mitten in der Unübersichtlichkeit der Welt, kein fest umrissener Charakter, sondern einer, der sich durch innere wie äußere Landschaften bewegt. Auf der Suche nach einem Du – "oder auch nicht"? Eine Selbstbefragung vielleicht, eine Abschiedsmelodie möglicherweise. Wie erzählt man von der Welt, ohne über sie zu verfügen? Peter Handke hat die Welt stets neu vermessen – mit Sprache und im Widerstand gegen ihre Abnutzung. Auch in seinem neuen Text bleibt er diesem poetischen Forschen treu – vielleicht radikaler, vielleicht zarter denn je, jedoch nicht ohne jenen Humor, jene Selbstironie, mit der er auch seinen eigenen Ernst nonchalant unterläuft. Alles "Schnee von gestern"? Und wenn? Da tanzt einer mit der Sprache, erlaubt sich Abschweifungen und Albernheiten, verliert sich mit voller Absicht – bis der eine, der da unentwegt spricht, zurücktritt, aufbricht, verschwindet und jemand anderes übernimmt. Peter Handke, 2019 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet, hat mit Werken wie "Publikumsbeschimpfung" und "Immer noch Sturm" das Theater revolutioniert. Sein jüngster Text wird im Juli bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt – in der Regie von Jossi Wieler, mit Jens Harzer und Marina Galic. Ein "Lied ohne Kehrvers" über das Sehen, Fragen, Ertragen und den Jubel im Moment des Verschwindens. "Oder auch nicht."

Berlin Berliner Ensemble
CC BY-SA 3.0 – http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/
Di, 10. Nov 2026, 20:00

Der letzte Himmel

@ Berliner Ensemble › Neues Haus

Berlin Berliner Ensemble
CC BY-SA 3.0 – http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/